Interview

Social Media-Trends 2013, Teil I

Social Media-Experte Michael Praetorius spricht über aktuelle Entwicklungen im Web, die für Radiosender wichtig sind.
15. Februar '13 | von Katharina Bösch

BROADCAST-FUTURE: Herr Praetorius, welche wichtigen Trends gibt es derzeit im Onlinebereich, die für Radiosender und ihr Marketing relevant sind?

Michael Praetorius: Ein wichtiger Trend ist zunächst die Selbstinszenierung von Unternehmen und Marken, die verschiedene Tools der sozialen Medien nutzen, um sich selbst zu vermarkten. Sie sind also von den klassischen Werbemedien wie Radio oder TV unabhängiger geworden. Ein gutes Beispiel dafür ist der Felix-Baumgartner-Effekt – der von RedBull meisterlich inszenierte Sprung aus dem Weltall hat über alle Online-Angebote eine einen riesigen Werbeeffekt erzeugt und wurde darüber hinaus zu einem medialen Event. Mit diesem Event hatte RedBull auch den Rekord gleichzeitiger Livezugriffe bei YouTube gebrochen. Das ist nur ein Beispiel unter vielen. Generell gilt: Marken werden selbst zu Publishern, sie erstellen eigene Contentstrategien und nutzen soziale Netzwerke und Plattformen zur Verbreitung ihrer Inhalte. Dieses Vorgehen ist übrigens nicht nur bei großen Konzernen zu beobachten, auch deutlich kleinere Marken können diese Möglichkeiten nutzen und tun dies auch bereits.

Michael Praetorius
Michael Praetorius

Eine weitere wichtige Entwicklung ist das Targeting. Auf den ersten Blick stagniert die Online-Werbung gerade, Online-Vermarkter wachsen weniger. Betrachtet man es genauer, fließt mehr Geld in Google- und Facebook-Anzeigen, die ein noch genaueres Ausliefern der Werbemittel an granuliert kleine Zielgruppen ermöglichen. Zudem verstehen es immer mehr Werbetreibende, die Effekte dieser Werbemaßnahmen genauer zu planen und zu analysieren: Erst lenke ich eine möglichst gezielt angesprochene Zielgruppe auf mein Website und überprüfe direkt, welche Ansprache, welche Zielgruppe oder welches Werbemittel wieviele Käufe erzielt hat. Wenn ich heute eine Facebook-Anzeige schalte, kann ich beispielsweise festlegen, dass nur 34jährige Frauen aus der Oberpfalz, die Tupperware mögen, diese eingeblendet bekommen sollen. Im Anschluss kann ich tracken, wie viele von den Angesprochenen tatsächlich durch die Anzeige auf meine Webseite und in meinen Webshop gekommen sind. Im Radio ist das nicht möglich. Das Argument Reichweite ist schwerer verkaufbar.

BROADCAST-FUTURE:
Was können Radiosender dem aktuell entgegenhalten?

Michael Praetorius: Nehmen wir das Beispiel von Absolute Radio in Großbritannien: Dessen Hörer können ein breites und dennoch auf sie zugeschnittenes Angebot wahrnehmen, wenn sie im Webradio eingeloggt sind.  Auch die BBC verwendet für ihren iPlayer ein Login, das sogar mit Facebook verknüpft werden kann. Daraus ergibt sich ein enormes Wissen über die Hörer, deren Interessen, Hörgewohnheiten und daraus resultierende Targetingmöglichkeiten. Viele Sender in Deutschland glauben nicht an Personalisierung, haben Angst, die MA damit in Frage zu stellen oder verwechseln Targeting mit personalisierten Inhalten oder mit der Auflösung einer Redaktion. Inzwischen sind Werbetreibende aber verwöhnt von den Möglichkeiten, die Targeting ihnen eröffnet.

BROADCAST-FUTURE:
Kann man wirklich jede beliebige Zielgruppe im Web erreichen – also auch ältere Menschen?

Michael Praetorius: Die älteren Internetnutzer sind die derzeit am stärksten wachsende Gruppe. Es gibt in Deutschland mehr Internetnutzer über 50 Jahre als unter 20 Jahren. Im Web erreicht man inzwischen wirklich jeden – das merkt man auch daran, dass Diskussionen im Web mittlerweile auch außerhalb des Internets hohe Wellen schlagen, z.B. die Sexismus-Debatte. Das Web ist kein Nerd-Medium mehr, sondern entfaltet immer mehr Breitenwirkung.

BROADCAST-FUTURE: Welche  Konsequenzen sollten Radiovermarkter aus diesen Tatsachen ziehen?

Michael Praetorius: Sie sollten die Technik und Wirkungsweise für eigene Kampagnen nutzen: Ein Drittel der Bevölkerung erreiche ich inzwischen über Facebook – sollte ich mir da nicht meine Plakatkampagne sparen und lieber online investieren? Wieso sollte ich beispielsweise nicht dieselben Vorteile wie andere Unternehmen nutzen und meine User mit Facebook-Anzeigen ansprechen? Wenn der Hörer auf eine solche Anzeige klickt, kann ich ihn gezielt ansprechen: Ein passionierter Bon Jovi-Fan wird also auch als solcher auf der Website des Senders angesprochen, wenn er über ein entsprechendes Werbemittel auf die Website kommt.

Hier geht's weiter zu Teil II des Interviews »

Michael Praetorius, geboren 1978 in München, lebt als Publizist und Medienberater in München und Berlin. Dort leitet er die Geschäfte der NOEO GmbH. Michael Praetorius ist langjähriger TV- und Hörfunkjournalist. Zudem ist er Dozent für Journalismus, Medienmanagement und Social Media. Privat agiert er als Video-Blogger in der Münchner Isarrunde und der Berliner Spreerunde.

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